Die überzeugendste Antwort fehlt

 

Stellungnahme zur Umfrage "Sinnvoller Protest oder reiner Trotz?" in der Jungfrau-Zeitung

Zur Erinnerung: Seit vielen Jahren ist auf dem ehemaligen Militärflugplatz Interlaken eine Entwicklung im Gang, zu der die Bevölkerung nie hat Stellung nehmen können: Man macht aus dem Gelände schrittweise und zielstrebig einen Rummelplatz für häufig sehr motorenlastige und daher umweltschädigende Grossanlässe. Diese Anlässe stehen alle im Spannungsfeld zwischen Pro (sie ermöglichen grosse Wertschöpfung in kurzer Zeit) und Kontra (sie verursachen zusätzlichen Verkehr, CO2, Ozon, Feinstaub und Lärm). Bisher haben die ökologisch engagierten Teile der Bevölkerung die Anlässe in der Grössenordnung bis und mit Truckerfestival widerwillig hingenommen, weil das Pro allgemein überzeugte, obwohl die Veranstalter des Truckerfestivals beispielsweise nicht einmal bereit waren, TeilnehmerInnen mit Dieselfilter bevorzugt zu behandeln.


Mit der Bewilligung und der Vorbereitung des Red Bull Air Race überschreiten Veranstalter und Behörden eine Schmerzgrenze, und zwar unabhängig von der Frage, ob der Anlass den Segen des BAZL hat oder nicht. Eine entsprechende Stellungnahme hat Flugplatzinfos schon am 22. Januar publiziert, also bevor die endgültigen Entscheide gefallen waren. Hier nochmals die Begründung für den seither erwachten Widerstand: Wenn die zuständigen Behörden diesen Anlass ohne hörbaren Widerspruch bewilligen können und wenn sich die Veranstalter keine Zurückhaltung auferlegen, dann ist auf dem Flugplatz Interlaken in Zukunft jede noch so unsinnige Grossveranstaltung möglich. Und dagegen zu protestieren muss erlaubt sein. Sonst geht es nach dem Event in ähnlicher Gangart weiter. Folgendes Beispiel bestätigt die Richtigkeit dieser Einschätzung: Im Januar war noch klar von einer einmaligen Durchführung des Air Race in Interlaken die Rede gewesen. Schon am 6. Juni sagte der Tourismusdirektor von Interlaken jedoch gegenüber dem "Berner Oberländer", er könne sich vorstellen, dass der Event alle drei bis vier Jahre in Interlaken stattfinde.


Seit Bekanntwerden des Vorhabens haben sich in der Region nur ganz wenige eine grundsätzliche Kritik am Event erlauben können, weil niemand gern die Rolle des Spielverderbers übernimmt. So ist das seinerzeit auch mit dem ACS-Autoslalom und mit dem Truckerfestival gewesen, um nur zwei Beispiele zu nennen. Niemand wollte anfangs Spielverderber sein; und nach wiederholter Durchführung waren die Anlässe dann zu einer Tradition geworden, die sich niemand mehr in Frage zu stellen getraute. Die Website Flugplatzinfos, die konsequent für eine umweltschonende  Nutzung des Flugplatzgeländes wirbt, kann nach diesen Erfahrungen nicht ausgerechnet dann schweigen, wenn die bisher mit Abstand grösste Massenveranstaltung auf dem Flugplatz vorbereitet wird.


Es besteht in dieser Hinsicht seit Jahren ein Demokratiedefizit. Nun bietet Flugplatzinfos allen die Möglichkeit, gegen diesen Anlass zu protestieren, nicht um ihn zu verhindern oder zu stören, sondern um ein unüberlegtes Weitergehen in der gleichen Richtung ein bisschen zu erschweren. Das ist keine Trotzreaktion, wie die Jungfrau-Zeitung suggeriert. Diese Forumszeitung hätte die Chance, das erwähnte Demokratiedefizit mit einer echten Meinungsumfrage ein wenig auszugleichen. Leider nimmt sie die Chance nicht wahr. In der vorgelegten Umfrage macht sie nämlich nicht den Anlass selbst zum Diskussionsthema, sondern den Protest gegen diesen Anlass. Und unter den zur Auswahl stehenden Antworten fehlt die überzeugendste: Das Red Bull Air Race gehört nicht in unsere Region.


Ernst Schmitter, Flugplatzinfos,     Interlaken

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